{Gelesen} Katie Kacvinsky: Die Rebellion der Maddie Freeman

Die Rebellion der Maddie Freemna

Originaltitel: Awaken
Taschenbuch, 380 Seiten
Baumhaus, 2012
ISBN: 978-3-8432-1040-9
Band 1 der Maddie Freeman-Trilogie
Goodreads

Beschreibung:
Eine Stadt in der USA, wenige Jahre in der Zukunft: Maddie, 17, lebt wie alle um sie herum ein digitales Leben. Schule und Verabredungen – das alles findet im Netz statt. Doch dann verliebt sie sich in Justin – für den nur das wahre Leben offline zählt. Gemeinsam mit seinen Freunden kämpft Justin gegen die Welt der sozialen Netzwerke, in der alles künstlich ist. Dieser Kampf richtet sich gegen die ganz oben – und damit auch gegen Maddies Vater, der das System der Digital School gesetzlich verankert hat. Maddie wird für die Bewegung zu einer Schlüsselfigur. Und sie muss sich entschieden: Auf welche Seite will sie stehen?

Meine Meinung:
Ich fand die Grundidee hinter dem Buch unheimlich faszinierend. Unsere Welt wird immer digitaler und keiner weiß wie das in wenigen Jahrzehnten aussehen wird. Immerhin hat unser heutiges Leben mit dem von 1964 auch nicht mehr so viel gemein, von 1914 ganz zu schweigen und das ist gerade mal ein Jahrhundert her. Was sind schon 100 Jahre in der Geschichte der Menschheit?

Was hat das für Folgen für unseren Alltag? Katie Kacvinsky hat aufgrund dieser Frage eine im Grunde interessante und vielversprechende Dystopie erschaffen, in der das digitale Leben den Alltag dominiert und Teenager so gut wie keine sozialen Kontakte offline hat. Das wirkt in vielen Punkten wie eine logische Weiterentwicklung der heutigen Gesellschaft, und so ist die Basis des Romans auch sehr glaubhaft und durchaus real.

Und ja auch durchaus fesselnd. Man sieht diese Welt durch die Augen von Madeline, unserer Erzählerin, die eine Vergangenheit hat, welche dem Leser erst nach und nach enthüllt wird und so zum Weiterlesen ermutigt. Aber gleichzeitig entdeckt der Leser auch gemeinsam mit Maddie die Nachteile des Systems der Digital School und fängt an an dem System zu zweifeln.

Aber das Buch hat in meinen Augen drei große Schwachstellen, die ihm viel von seiner potentiellen Wirkung nehmen.
Zum einen ist da die Liebesgeschichte zwischen Madeline und Justin, die einfach nur nervte. Also nicht mal die Beziehung zwischen den beiden, das bahnt sich eigentlich recht langsam und niedlich an. Aber Madeline macht einen auf Bella und beschließt schon vor dem ersten Kuss, dass sie zum einen absolut nichts gut genug für Justin ist und zum anderen dass er ab sofort der Mittelpunkt ihres Lebens ist und alles andere unwichtig. Das führte dann zu so Passagen wie
„Dennoch schien sich die Energie im Raum zu verändern, als sei die Beleuchtung gedimmt oder der Luftdruck gefallen. Justin trug ein kurzärmeliges Shirt, das seine muskulösen Arme zur Geltung brachte. Sein glänzendes Haar war wie üblich wild zerzaust und sah perfekt aus.“ (S. 186),
„Falls unsere Fahrt in einer Katastrophe endete, würde Justin mich bestimmt in seinen Armen halten und zum Abschied küssen, während ich meinen letzten Atemzug tat. Die Vorstellung ließ den Tod gleich weniger tragisch erscheinen.“ (S. 268) oder
„Kleine dumme Madeline. Er ist viel zu gut für dich und völlig unerreichbar.“ (S. 45, Madelines Gedanken über sich und Justin).
Iehrks, nein danke. Die Art, wie Madeline ständig Justin hier auf ein Podest erhebt und sich einredet, dass sie vollkommen unter seinem Niveau ist, aber gleichzeitig total schnell von ihm abhängig wird fand ich schlimm. Vor allem weil es keinen Grund für eine solches Verhalten gibt.

Der zweite Punkt, der mich störte, war die mangelnde Erklärung über die Welt, in der Maddie lebt. Es wird zwar eine Erklärung gegeben, warum es zur Einführung der Digital School gab und man gewinnt eine grobe Vorstellung davon, was für ein Leben ein Teenager führt – zumindest, wenn er so privilegiert aufwächst wie Madeline. Aber was für ein Leben führen die Erwachsen? Findet ihr Leben auch komplett digital statt und wenn ja, wie? Was ist mit den Arbeiten/Berufen, die nicht digital sein können? Wie viele offline-Kontakte haben Erwachsene und wie funktioniert das, wenn die Kinder alle Kindheit und Jugend allein vor dem Bildschirm verbringen ohne soziale Regeln zu lernen? Und wie sieht überhaupt die USA der Zukunft aus? Wie ist das politische Umfeld? Was ist mit der Kluft zwischen Arm und Reich? Wie können sich Arme den Zugang zur Digital School und die benötigte Ausstattung leisten? Es wird erwähnt, dass es in dieser Welt so gut wie keine Bäume gibt – aber es wird nicht erklärt, wie dann das Ökosystem funktioniert, denn atmen ist problemlos möglich.
Und ähnlich ist es mit den Rebellen um Justin. Anscheinend haben diese Helfer, Häuser, die als Unterkünfte und Verstecke genutzt werden können, und verschiedenste Autos über die ganze USA verteilt zur Verfügung, aber es wird nie gesagt, wie das ganze eigentlich finanziert wird. Und die Aktionen der Truppe wird alles lustig per Telefon und Videochat besprochen – scheinbar ist die Welt zwar unheimlich digitalisiert, aber Telefone können und Videochats können nicht (mehr) abgehört werden. Okay…
Auf all das wird nicht eingegangen.  Die Handlung hängt dadurch etwas in der Luft, weil einfach die Informationen fehlen um das Geschehen wirklich nachvollziehen zu können.

Und dann noch die dritte Sache, die mich das Buch mehrmals entnervt zuklappen ließ. Wenn es zu dem digitalen Leben kommt, gibt es nur entweder – oder. Analog oder Digital. Wobei analog natürlich super und vorziehenswert ist und digital doof und künstlich und bla. Einen Mittelweg gibt es nicht. Das führt dann zu Aussagen, wie
„Hier gab es tatsächlich eine Gruppe von Leuten, die sich gegenseitig so unterhaltsam fanden, dass sie elektronische Hilfsmittel nicht nötig hatten.“ (S. 64) Ja schön und wenn diese Gruppe nun zufällig nicht im gleichen Ort leben? Pech gehabt, oder was? Oder
„Ich habe Zugang zu dem gesamten Wissen der Menschheit. (…) Am liebsten würde ich die Informationen aus meinem Kopf löschen, weil sie mich daran hindern zu fantasieren, zu denken, zu überlegen.“ (S. 369) Liebe Madeline, geh einmal auf Fanseiten irgendeiner populären Serie oder Buchreihe und sieh dir an, was da spekuliert, interpretiert und an Fanfiction geschrieben wird. Und dann erklär mir mal wie der Zugang zu Wissen Denken und Kreativität verhindert. Ich versteh es nämlich absolut nicht.
Und immer wieder Aussagen wie: „Glaubst du die Onlinepersonen, mit denen du dich triffst, sind wirklich deine Freunde?“ (S. 33) Ähm ja? Absolut. Natürlich nicht jeder User in nem Forum, der mal im gleichen Thread geschrieben hat wie ich. Aber ich bin ja auch nicht mit der Person befreundet, die im Ärzte-Wartezimmer neben mir sitzt und mich vollhustet. Warum ist es so absurd, dass sich online eine ebenso feste und tiefgehende Freundschaft bilden kann wie offline?
Es störte mich einfach unheimlich, wie wenig hier auf ein gesundes Mittelmaß eingegangen wurde, das beide Welten miteinander verbindet. Beides hat seine Vorteile, warum also nicht auch beide nutzen?

Ich finds unheimlich schade, aber das Buch wird den Erwartungen, die es weckt kaum gerecht. Die Schwachpunkte sind so groß und unübersehbar, dass ich – trotz des offenen Endes – überhaupt kein Interesse habe, die restlichen Teile auch zu lesen.

2 Sterne - klein

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