{Gesehen} Verbrechen

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Worum geht es:
Schockierende Kriminalfälle, basierend auf tatsächliche Begebenheiten und Erfahrungen des Strafverteidigers und Autors, treffen auf eine neue revolutionäre Erzählweise im Krimi-Genre: im Mittelpunkt steht kein klassischer Ermittler und die Frage wer hat s getan , sondern ein Anwalt und seine Frage nach dem Warum? . Schirach schildert das kriminelle Geschehen auf Augenhöhe mit den beteiligten Tätern, Opfern und Zeugen. Die einzelnen Episoden begleiten detailliert die jeweilige Tat und ihre Verteidigung. Die Geschichten sind dabei so bunt und abwechslungsreich wie grausam: Ein unbekannter Mann wird angegriffen und plötzlich selbst zum Täter, drei Kleinkriminelle verheben sich an ihrem größten Einbruch und das Verschwinden eines jungen Mädchens lässt ein ganze Dorf Kopf stehen.

Die Serie, basierend auf dem gleichnamigen Geschichtenband des Autors Ferdinand von Schirach, umfasst 6 Folgen und wurde 2013 erstmals vom ZDF ausgestrahlt. Inzwischen ist sie auch auf DVD erhältlich.

Trailer (mit englischen UT, aber was soll’s xD):

Wer spielt mit:
Josef Bierbichler als Friedrich Leonhardt, Gustav-Peter Wöhler als Richter Lambrecht, Conrad F. Geier als Kommissar Degler, Sesede Terziyan als Sekretärin

Wie gefällt es:
Der obige Trailer behauptet „a series that will change your mind – about German TV“. Und auch wenn jetzt eine (Mini-)Serie bestimmt nicht meine Meinung über den Zustand der deutschen Serienlandschaft im Allgemeinen ändert (ich seh das eher als „Ausnahme, welche die Regel bestätigt“ xD), so zeigt Verbrechen für mich etwas anderes: Das  es nicht an fehlendem Können/Geld liegt, sondern an fehlendem Wollen.

Denn Verbrechen ist gut. Zugegeben es hat auch schon eine sehr gute literarische Vorlage (die noch mehr Geschichten als die sechs verfilmten enthält und hiermit zur Lektüre empfohlen ist), aber das ist ja kein Garant, dass auch die Verfilmung gut wird. Und Verbrechen ist innovativ, ich kenne keine andere Serie, egal aus welchem Herkunftsland, mit einer derartigen Herangehensweise an Verbrechen.
Ich weiß nicht mal genau, wie ich die Betrachtungsweise definieren soll. Es geht nicht darum den Täter zu finden, es geht auch nur selten darum den Täter oder seine Motivation zu verstehen und der Verteidiger / Anwalt (nicht in jeder Folge kommt es zu einer Verhandlung) ist zwar die zentrale Figur, welche alle Folge verknüpft, aber auch seine Arbeit steht nicht im Fokus. Ich glaube am ehesten trifft noch Sozialstudie oder so was zu, aber das kommt mir auch furchtbar schwammig vor.
Die Serie spielt in den verschiedensten sozialen und regionalen Schichten – von einer Einwandererfamilie, die zu vielen in einer kleinen Wohnung in Berlin lebt, über superreiche Wirtschaftsmenschen bis hin zu einer provinzialen Dorfgemeinschaft irgendwo draussen auf dem Land (Brandenburg? Mecklenburg-Vorpommern? Ich hab keine Ahnung, aber Jan Fedder spielt den Landadeligen sehr überzeugend). Und es wirkt immer realistisch und glaubhaft.

Besonders gut hat mir dabei die Darstellung des Anwalts gefallen. Für Bierbichler steht eben nicht die Suche nach der Wahrheit im Mittelpunkt, sondern sein Mandant, egal was diesem vorgeworfen wird. Und dabei bleibt er menschlich, er ist weder zynischer Menschenhasser noch rettender Engel. Er macht einfach seine Arbeit.

Die Folgen sind davon gekennzeichnet, dass es Lücken gibt, dass Fragen offen bleiben. Der Zuschauer ist gefordert, er muss sie selbst fühlen, muss sich entscheiden, was er glaubt, was passiert ist. Und wer an was schuld ist. Ich grübele immer noch – Tage später – darüber, wie sich beispielsweise das Verhalten von Karim beurteilen soll.
Aber genau das ist der Punkt. Schuld, Unschuld, Recht – Gerechtigkeit. Es ist eben oft nicht so einfach, so schwarz/weiß.

Sicher, nicht alles ist perfekt. Einige Dialoge klingen stark konstruiert. Zum Teil halte ich es einfach für schlecht, sprich hölzern, geschrieben und denke mir, dass hätte jetzt aber keiner in der Realität so gesagt. Und einige andere Dialoge passen einfach nicht zur Szene. So reden beispielsweise ein Richter, ein Staatsanwalt und der Verteidiger – alles alles studierte Juristen, die sich mit den Rechtsgrundlagen auskennen dürften – miteinander ohne irgendwelche juristische Laien in der Nähe und erklären sich gegenseitig die Bedeutung von Notwehr-Exzess. Da merkt man deutlich, dass die Serie das halt irgendwie für das Verständnis der Zuschauer aussprechen musste, auch wenn es inhaltlich gar nicht passt.
Und die Folge „Summertime“ beziehungsweise eher das Verhalten des Anwalts dort verwirrt mich zutiefst. Ich verstehe einfach nicht, ob es ein dämlicher, aber unbeabsichtigter Fehler war oder ein bewusst kalkuliertes Risiko – und in letzterem Fall kann ich keine Motiv dafür erkennen. Da hätte ich mich wirklich mehr Informationen/Erklärungen gewünscht.
Und dieser doofe, kleine Schlußmonolog über die Rolle des Anwalts. Waaah. Der war nervend. Wobei ich ihn auch innerhalb von ein paar Tagen sechsmal hören ‚durfte‘, bei der Ausstrahlung über einen längeren Zeitraum war es wohl nicht so schlimm. Hätte man trotzdem weg lassen können, was neues hat der nicht gebracht.

Wirklich eine Perle in der deutschen Serienlandschaft, die mehr Aufmerksamkeit verdient hat. Und eine Fortsetzung – nach dem zweiten Geschichteband von Herr Schirach -, die auch schon in Planung ist und 2015 gezeigt werden soll. Allerdings mit Moritz Bleibtreu als anwaltliches Bindeglied und ich kann ihm mir nicht als Anwalt vorstellen. Aber ich konnte mir auch vorher nicht vorstellen, dass Verbrechen so gut sein würde, von daher…
Bitte gebt mehr von den GEZ-Gebühren für Serien mit diesem Qualitätsniveau aus. Bitte.

Oh und ich werde ab jetzt ein etwas gestörtes Verhältnis zu grünen Äpfeln haben.

4 Sterne - klein

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3 Antworten zu {Gesehen} Verbrechen

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