{Gelesen} Dave Eggers: Der Circle

Der Circle

Originaltitel: The Circle
Hardcover, 558 Seiten
Kiepenheuer & Witsch, 2014
ISBN: 978-3-462-04675-5
Goodreads

Klappentext:
Die 24-jährige Mae Holland ist überglücklich. Sie hat einen Job ergattert in der hippsten Firma der Welt, beim „Circle“, einem freundlichen Internetkonzern mit Sitz in Kalifornien, der die Geschäftsfelder von Google, Apple, Facebook und Twitter geschluckt hat, indem er alle Kunden  mit einer einzigen Identität ausstattet, über die einfach alles abgewickelt werden kann. Mae stürzt sich voller Begeisterung in diese schöne neue Welt mit ihren lichtdurchfluteten Büros und High-Class-Restaurants, wo Sterneköche kostenlose Mahlzeiten für die Mitarbeiter kreieren und fast jeden Abend coole  Partys gefeiert werden. Sie wird zur Vorzeigemitarbeiterin und treibt den Wahn , alles müsse transparent sein, auf die Spitze. Doch eine Begegnung mit einem mysteriösen Kollegen ändert alles.

Meine Meinung:
Der Roman greift ein unheimlich aktuelles und wichtiges Thema auf und denkt es konsequent weiter. Und wirkt in seinen Überlegungen grundsätzlich auch überzeugend und eindringlich.
Besonders auch was das Ende angeht, welches mich doch etwas überrascht hat. Der Autor hätte hier auch eine andere Möglichkeit und ich hatte fast erwartet, dass er diesen Weg wählen würde. Das er es aber nicht hat und eher die unkonventionelle Art gewählt hat, find ich mutig und gut.
Aber das war leider auch alles positive, was ich über das Buch sagen kann.

Das zentrale Problem des Romans war für mich ganz klar Mae. Ich kann mich an keine andere Romanfigur erinnern, die mir so sehr auf die Nerven gegangen ist mit ihrem Verhalten. Sie ist extrem oberflächlich und hat nur das Ziel den Meinungsmachern zu gefallen und es ihnen recht zu machen. Ohne auch nur einmal darüber nachzudenken, was das eigentlich bedeutet. Wenn der Circle es sagt, dass muss es ja richtig sein.
Hat was von einem Kult, bei dem sich die Mitglieder das Denken selbst abtrainieren. Mae wäre garantiert auch ein super Scientology-Mitglied geworden. Wobei da würde vermutlich die mediale Selbstdarstellung fehlen.

Und der Twist um Kalden, den mysteriösen kritischen Mitarbeiter des Cirlces. Hahahaha. Schon bei seinem ersten Auftauchen war es mehr als offensichtlich, wer Kalden ist. Es hätte echt nicht deutlicher sein können, wer er sich mit seiner richtigen Identität vorgestellt hätte. Und Mae merkt es nie. Was sie noch verblödeter erscheinen lässt, als sie sowieso schon wirkt.

Was mich ebefalls gestört hat, ist der Cirlce, der einfach viel zu perfekt ist. Klar, in einem gewissen Sinn ist es gewollt, dass er so künstlich wirkt und alles, aber es war mir einfach zu viel des Guten. Vielleicht liegt es daran, dass man nicht allzuviel über die Art und Weise wie das Unternehmen Geld verdient erfährt, aber von dem was das Buch erzählt, klingt es für mich einfach als hätten sie deutlich mehr Ausgaben wie Einnahmen. Da passt einfach nichts zusammen. Und das lässt dann den Circle als so wichtiges, bewundertes Unternehmen einfach unglaubwürdig erscheinen.

Nee, ich bin enttäuscht und hatte mir von dem Roman deutlich mehr erwartet. Er macht ein paar gute Punkte, was den Umgang mit Social Media angeht, aber das war es auch. Rein vom Unterhaltungswert gesehen, war es aber eine furchtbar frustrierende Lektüre.

2 Sterne - klein

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4 Antworten zu {Gelesen} Dave Eggers: Der Circle

  1. schauwerte schreibt:

    Hu, hier hast du dich aber geärgert. Ich habe ähnlich empfunden wie du, dies dem Buch aber positiv ausgelegt. Gerade diese Verblendung und diese perfide Perfektheit sind so gruselig. Und wenn man in diesen Sphären arbeitet (wie ich) begegnen einem Leute und Themen, die so drauf sind (aber Hallo!!) und die solch einen Zukunftsentwurd durchaus begrüßen. Mag man nicht glauben. Klischeehaft fand ich aber die Gegenüberstellung von Maes Familie und Ex (der arbeitet mit Holz! Voll so Natur so).
    Das es frustrierend war, halt ich dem Buch ein Stück weit zugute. Denn, wenn du das toll gefunden hättest, wärst du ja wie die Leute im Circle. Gut, dass nicht. 🙂

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    • Amerdale schreibt:

      Ich meinte mit perfekt nicht mal die Arbeit des Circles an sich sondern dass ganze drumherum. Die offensichtlich sich selbstreinigenden, kostenlosen Wohneinheiten mit sich selbst füllenden Kühlschränken, weltberühmte Stars die in der Kantine in der Mittagspause auftreten, etc. Das war für mich einfach zu viel des Guten.

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  2. Michael Bohli schreibt:

    Hier meine Gedanken die ich 2014 dazu aufgeschrieben habe:
    „Mehr eine Mahnschrift als ein Roman, über die Entwicklung zur totalitären digitalen Gesellschaft durch Social Media. Was heutzutage schon erschreckende Züge angenommen hat, wird in der Geschichte um den Circle satirisch und Angst machend weitergesponnen. Wie weit werden wir mit dieser Entwicklung wirklich gehen? Wie transparent muss und darf ein Mensch sein? Ist Privatsphäre ein Verbrechen? Sind Geheimnisse strafbar? Nach der Lektüre möchte man all seine digitalen Spuren löschen.“
    Gerade diese Perfektion des Circle ist in meinen Augen als Parodie und Satire auf aktuelle und kommende Zustände zu lesen. Schliesslich stellen sich Firmen heute schon genau so dar. Und wen anderes als die „heilige Firma und den weltbesten Arbeitgeber“ Google soll dieses Circle schon darstellen?

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  3. Zeilenende schreibt:

    Mir ging es ähnlich wie schauwerte. Mae ist grauenvoll, aber das löst ja gerade den Grusel aus, weil der Leser sie nicht packen und durchschütteln kann, so wie das bei vielen Leuten, die mit dieser Technik aufwachsen, auch nichts bringen wird. Social Media und Digitalisierung sind Teil ihrer Lebenswelt wie das Halten an der roten Ampel und die morgendliche Zeitungslektüre für frühere Generationen. Selbstvertändlichkeiten und Routinen, die man nicht wirklich hinterfragt. Und das macht die Geschichte so schrecklich. Es hat mir zu denken gegeben, als ich mich in diesen Performance-Wettbewerben wieder erkannte, wie ich mich manchmal daran hochziehe, wie viele Mails ich in einer Stunde geschrieben habe.
    Was die Perfektion des Circle angeht ist das allerdings nur die Selbstdarstellung des Unternehmens auf die Spitze getrieben. Wir bekommen auch bei Eggers nicht viel mehr als die Oberfläche des Circle zu sehen. Und die erinnert doch stark an Google und co. Von „Don’t be evil“, gesundem Kantinen-Essen und Spiel- und Erholungslandschaften im Bürokomplex, die es bei Google auch heute schon gibt, ist es nicht weit bis zum Rockkonzert in der Mittagspause, es ist das gleiche Prinzip: Fühlt euch wohl, damit wir es leichter mit euch haben… Zumindest in der paranoiden Variante.

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