{Besucht} Ferdinand von Schirach: Terror (Theater)

Am 26. Mai 2013 erhält Koch den Befehl, einen vollbesetzten, von Terroristen gekaperten Airbus vom Kurs abzudrängen, was ohne Erfolg bleibt. Ziel der Terroristen ist es, den Airbus in die ausverkaufte Münchner Allianz-Arena stürzen zu lassen, in der 70.000 Zuschauer dem Länderspiel Deutschland-England entgegenfiebern. Lars Koch entscheidet sich eigenmächtig, das Passagierflugzeug abzuschießen, um die Fußball-Fans zu retten. Alle 164 Airbus-Insassen sterben. Ist Koch schuldig, weil er 164 Menschen zum Objekt gemacht hat und damit deren Rechte und Menschenwürde verletzte?
Darüber muss auch das Publikum nach bestem Wissen und Gewissen, wie es im deutschen Richtergesetz heißt, urteilen. Jeder ZUSCHAUER erhält einen Stimmzettel, den er in einer Pause ausgefüllt zurückgeben muss. Danach entscheidet sich, wie das Theaterstück weitergeht
Plädiert der überwiegende Teil des Publikums für SCHULDIG, wird die Schuldig-Variante gespielt, hält die Mehrheit Lars Koch für UNSCHULDIG, kommt diese Begründung des Richterspruchs zur Aufführung.

Ich war mal bei meinen Eltern als zufällig im Fernseher Nachrichten liefen und kurz auch über das Theaterstück berichtet wurde (vermutlich über die Premiere in 2015, ist nämlich schon lange her). Und ich war sofort fasziniert – und hab es immerhin doch etwa ein Jahr später auch geschafft das Stück mal zu erleben.
Und es war eine verdammt gute Wahl für den ersten Theaterbesuch nach mehr als einem Jahrzehnt (ich glaube das letzte Mal war ich mit dem Deutsch-LK im Theater…..).

Das Bühnenbild ist mehr als simpel – ein paar Tische und Pseudo-Wände deuten einen Gerichtssaal an (hier geben ein paar Fotos einen groben Eindruck), aber vollkommen ausreichend und vor allem auch nicht ablenkend. Denn es ist eigentlich nicht wichtig.

Wichtig sind die Figuren oder genauer gesagt ihre Aussagen. Denn auch von ersteren gibt es nicht viel (Angeklagter, Verteidiger, Ankläger, Nebenkläger, Zeuge, Richter – das war es auch schon), aber von letzteren umso mehr.
Es ist ein recht ruhiges Spiel. Die meiste Zeit sitzen alle auf ihren Plätzen, nur bei den Plädoyers laufen Staatsanwältin beziehungsweise Verteidiger auch mal rum, und es wird geredet. Mal sachlicher, mal emotionaler.
Aber immer fesselnd.
Man muss wohl ein Interesse an Rechtsfragen und Debatten mitbringen, sonst ist es eher langweilig, aber ich fand es von Anfang an fesselnd und auch einfach sehr stark Gedanken anregend. Es ist jetzt schon ein paar Tage her, dass ich die Aufführung gesehen habe, aber ich denke regelmäßig daran zurück und beschäftige mich immer noch mit den Themen.

Und der Clou des Ganzen ist natürlich, dass der Richter das Urteil nur verkündet – gefällt wird es von den Zuschauern, was dem Ganzen eine reizvolle Unvorhersehbarkeit gibt. Vor allem da sowohl Anklage als auch Verteidigung sehr überzeugend argumentieren. Mir zumindest ist es schwer gefallen eine Wahl zu treffen und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich mich bei einem zweiten Mal nicht vielleicht anders entscheiden würde.

Ein rundum toller Abend!

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4 Antworten zu {Besucht} Ferdinand von Schirach: Terror (Theater)

  1. Cathrin Rubin schreibt:

    Ich bin auf den Film gespannt. Da dürfen die Zuschauer ja angeblich auch abstimmen.

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  2. Pingback: {Monatsrückblick} 10/2016 | Mind Palace

  3. voidpointer schreibt:

    Am interessantesten an dem Stück empfand ich das Urteil der Zuschauer, aber alleine deswegen ist es schon sehenswert. In der Regel wählt das Publikum den Freispruch und opfert damit objektive Rechtsstaatlichkeit einem subjektiven Gerechtigkeitsempfinden. Das ist die größte Gefahr die ich im Terrorismus für unsere Gesellschaft sehe. Den Gedanke, dass die Theaterbesucher im Schnitt zu den besser gebildeten Bürgern gehören, empfinde ich als beängstigend.

    Gefällt 1 Person

    • Amerdale schreibt:

      So ähnlich waren auch meine Empfindungen. Ich hatte zwar auch schon im Voraus einen Freispruch bei ‚meiner‘ Vorstellung erwartet, aber nicht unbedingt so eindeutig (weiß das genaue Verhältnis nicht mehr, aber war etwa 75% für Freispruch, 25% für schuldig). Und die Argumentation dafür ist einfach erschreckend.

      Gefällt 1 Person

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