{Gelesen} Judith & Christian Vogt: Wasteland

Taschenbuch, 399 Seiten
Knaur, 2019
ISBN: 978-3-426-52391-9
Goodreads

Klappentext:
Die alten Regeln gelten nicht mehr, seit drei Kriege und das Wasteland-Virus die Menschheit beinah ausgelöscht haben. Marodierende Banden beherrschen das Land, und auf dem freien Markt sind Waren nur im Tausch gegen gefallen zu haben.
Um an Medikamente zu kommen, lässt sich die herumreisende Laylay auf ein Geschäft ein: Weil sie als Einzige immun gegen das Virus ist, soll sie den Marktbewohner Zeeto in der Todeszone aufspüren. Als sie ihn findet, ist er bereits infiziert. Zudem hat er etwas in einer geheimen Bunker-Anlage gefunden: ein Baby. Und obwohl das Virus Laylay nichts anhaben kann, beginnt sie sich zu verändern.

Meine Meinung:
Im Mittelpunkt des Romans stehen Laylay und Zeeto, die auch beide als Ich-Erzähler auftreten. Laylay reist seit ihrer Kindheit mit ihrem Vater durch Europa, während Zeeto in der Kommune um den Handgebunden-Markt aufgewachsen ist. Zwischen den beiden wächst eine zarte romantische Verbindung, die aber unter einem sehr schlechten Stern steht. Da ist zum einen Laylays Köper, der sich sehr merkwürdig verhält. Und das Baby, dass Zeeto gefunden hat – und an dem einige Personen sehr interessiert sind, egal wie viel Schaden sie auf dem Weg dahin anrichten. Oh ja und Zeeto hat sich mit dem tödlichen Virus infiziert.

Faszinierender als die Handlung an sich, fand ich die postapokalyptische Welt, die hier entworfen wurde. Der Gegensatz von der friedlichen, hoffnungsvoll-optimistischen Anarcho-Hippie-Kommune zu den brutalen, hierarchisch organisierten Gangs  könnte nicht größer sein.
Und zu sehen, welche Bruchstücke von unserer Welt noch existieren und wie sie noch genutzt werden, fand ich total faszinierend. Auch weil es hier total überzeugend war, dass eben nicht alles Wissen bereits verloren gegangen ist, sondern sich ein Gemisch entwickelt hat.

Am Ende driftet die Handlung durch einen Twist etwas in das Phantastische ab. Und auch wenn ich da normalerweise nichts dagegen habe, fand ich es hier etwas fehl am Platz. Denn bis zu diesem Punkt, war das Buch eine glaubhafte (aber hoffentlich nie eintretende) Weiterentwicklung unseres heutigen, nicht-nachhaltigen Lebensstiles inklusive dem dämlichen Verhalten gewisser (*hust* blonder, schlecht frisierter */hust*) Politiker. Aber dieses phantastische Element, so kreativ und an sich interessant es auch ist, hat das für mich etwas zunichte gemacht.
Und Root, ey. Die Idee, dass sich Wifi bzw. das Internet zu einer mysteriösen Gottheit entwickelt hat und von Root als eine Art Priester angebetet wird, fand ich klasse. Aber seine Marotte nur im Futur II zu sprechen, ist mir so auf die Nerven gegangen.
Und ja, noch ein paar Kleinigkeiten fand ich eher unglaubwürdig. In dem Buch wird unheimlich viel mit benzingetriebenen Fahrzeugen – von Motorrädern über Autos bis hin zu Trucks – gefahren, wo kommt das ganze Benzin denn Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch noch her? Genauso nimmt Laylay (und vermutlich alle anderen auch, wenn nötig) Medikamente, die noch aus der Zeit vor dem Zusammenbruch stammen, also auch Jahrzehnte alt sind. Aber noch wirken? Meine Kopfschmerztabletten wirken ein halbes Jahr nach Ablauf des MHDs kaum noch.

Das Buch ist aber in einigen Punkten sehr ungewöhnlich. Zum einen, weil es SciFi ist die in Deutschland spielt, genauer gesagt irgendwo im nördlichen Rheinland (wenig überraschend, immerhin wohnen da Autorin und Autor).
Aber viel wichtiger: Der Roman wurde bewusst genderneutral geschrieben, also zum Beispiel Wachhabende anstatt Wächter. Und? Obwohl ich es im Vorfeld wusste und deswegen auch eigentlich besonders darauf achten wollte, ist es mir überhaupt nicht aufgefallen. Der Roman liest sich genauso flüssig, wie jedes andere gut geschriebene Buch auch. Der einzige Punkt, an dem ich mal kurz stutzte, war bei der erstmaligen Verwendung von ’ser‘ als genderneutrales Pronomen.
Denn natürlich gibt es in diesem Roman nicht nur zwei Geschlechter. In der Hinsicht ist der Roman wirklich eine Utopie. Die Tatsache, dass es mehr als zwei Gender gibt und auch ein viel breiteres Feld als nur Homo-/Heterosexualität ist allgemein anerkannt und wer da anzweifelt, macht sich selbst zur*m Außenseiter*in. So schön.
Und erst der klasse Umgang mit psychischen Erkrankungen.

Lohnenswertes Buch. Wegen der Handlung, aber viel mehr noch wegen des Umgangs mit Gender und Sexualität. In der Handlung, aber eben auch durch die bewussten Sprachauswahl beim Verfassen.

Ebenfalls schön: Die Inhaltswarnungen am Ende des Buches (mit Hinweis darauf am Anfang). Super Lösung, die sich gerne mehr Autor*innen / Verlage als Vorbild nehmen können.

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